Der Geopolitik-Analyst Peter Zeihan behauptet in seinem Werk, dass die Globalisierung zusammenbrechen und die USA zur einzigen sicheren Großmacht werden. Der Tech-Vordenker Balaji Srinivasan widerspricht in einem ausführlichen Artikel, der sich auf Wirtschaftsdaten, Branchenwettbewerb und internationale Lage stützt. Er sieht die globale Wirtschaft im Begriff, sich nach Eurasien zurückzuziehen, den Einfluss der USA zu verringern und China kontinuierlich auszubauen, was zu einer neuen Weltordnung führt: „USA im Rückgang, China im Aufstieg“.
Globale Wirtschaftsschwerpunkte verschieben sich nach Osten: Kontrolle kehrt von den USA nach Eurasien zurück
Balaji weist darauf hin, dass aus einer langfristigen Perspektive der wirtschaftliche Schwerpunkt (Economic Center of Gravity) ursprünglich im Zentrum Eurasiens lag, inklusive China, Indien, Nahost und Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die USA durch ihre politische und wirtschaftliche Überlegenheit zeitweise zum globalen Kern und schufen eine internationale Ordnung auf Basis der Vereinten Nationen, Weltbank und IWF.
Historische Veränderungen im globalen Wirtschaftsschwerpunkt: Durch die Gewichtung der weltweiten BIP-Daten wird sichtbar, dass die Wirtschaft sich von Westen nach Asien verschiebt
Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Vertiefung der Globalisierung integrierten sich Russland, Indien und China zunehmend in die Kapitalmärkte. Die globale Wirtschaftsstruktur wandelt sich hin zu einer „Multipolarität“ und einem „Eurasien-Zentrum“. Laut Kaufkraftparität (GDP-PPP) gehören China, Indien und Russland bereits zu den Top fünf der größten Volkswirtschaften, was den schwindenden westlichen Einfluss zeigt.
Veränderungen im Anteil der Großmächte am globalen BIP seit 2000: USA unter Druck – Wirtschaft und Politik gespalten
Balaji analysiert weiter, dass die USA vor strukturellen Herausforderungen stehen, darunter Branchenwettbewerb und gesellschaftliche Spaltungen. Republikaner stammen häufig aus Gruppen, die von Globalisierung und Produktionsverlagerung betroffen sind, während Demokraten mit den sozialen und digitalen Veränderungen kämpfen.
Hier sind mehrere Grafiken zur politischen Polarisierung in den USA. Ob im Kongress oder auf Social Media, die Spaltung nimmt zu.
2015: Plos One
2016: Vox
2017: CJR
2017: Pew… pic.twitter.com/HEN7Idl5A2
— Balaji (@balajis) 16. März 2026
Politische Slogans wie „Make America Great Again (MAGA)“ und „Build Back Better“ spiegeln teilweise den gesellschaftlichen Konsens wider, dass die Gegenwart schlechter ist als die Vergangenheit. Die zunehmende politische Spaltung erschwert die Regierungsführung und langfristige Politikgestaltung in den USA.
China hat den Handelskrieg eigentlich gewonnen: Lieferkettenwettbewerb schreibt das Spiel neu
Im Bereich Industrie und Handel sieht Balaji, dass China in den meisten Schlüsselindustrien führend ist, darunter Stahl, Energie, Automobilbau, Schiffahrt, Solarenergie und Seltene Erden. China ist außerdem der weltweit größte Exporteur und baut seinen Einfluss in Europa und anderen Märkten weiter aus.
Globale Handelsdominanz verschiebt sich seit 20 Jahren von den USA nach China
Obwohl bei High-End-Chips, Luftfahrt und einigen KI-Technologien noch Unterschiede bestehen, hat China die Lücke schrittweise verringert, etwa durch die Entwicklung des inländischen Passagierflugzeugs C919, fortschrittliche Halbleiter und Fortschritte bei humanoiden Robotern und KI. Er sieht darin, dass China im Handelskrieg mit den USA eigentlich der wahre Gewinner sein könnte.
Keine globale Schifffahrtsordnung ohne die USA: China kann mehr Rollen übernehmen
Zum Zeihan-Argument, dass „nach dem Rückzug der USA die globale Schifffahrt zusammenbricht“, äußert sich Balaji anders. Er glaubt, dass die Lieferketten kurzfristig beeinträchtigt werden könnten, langfristig aber das globale Schifffahrtsnetz um China neu gestaltet wird.
Er betont, dass China mit seiner großen Schiffbaukapazität und Marinekraft sowie seiner Rolle im Welthandel motiviert ist, wichtige Seewege stabil zu halten. „Aus wirtschaftlichen Interessen heraus hat China die Motivation und Fähigkeit, die Sicherheit der wichtigsten Seerouten zu gewährleisten und könnte in Zukunft eine noch bedeutendere Sicherheitsrolle übernehmen.“
Altern im demografischen Wandel: Wirtschaftliche Folgen der alternden Bevölkerung noch unklar
Ein weiterer Streitpunkt ist die Bevölkerungsentwicklung. Zeihan glaubt, dass China vor der Herausforderung steht, „alt zu werden, bevor es reich ist“. Balaji weist jedoch darauf hin, dass Alterung nicht zwangsläufig zu wirtschaftlichem Abschwung führt, vor allem durch Automatisierung und Robotik könnten Arbeitskräftelücken teilweise ausgeglichen werden.
Er erwähnt auch, dass die USA mit sozialen Strukturen und Vertrauensproblemen konfrontiert sind, darunter Einkommensungleichheit, gesellschaftliche Spaltungen und Herausforderungen in der öffentlichen Verwaltung. Diese Faktoren könnten den Bevölkerungs- und Wirtschaftsvorteil nicht vollständig in Wettbewerbsvorteile umwandeln.
Kann die USA ihre isolierte Vormachtstellung halten? Balaji: Eher nicht!
Zum Zeihan-Argument, dass „Nordamerika sicher und wohlhabend bleibt“, äußert sich Balaji skeptisch. Er warnt, dass die starke Abhängigkeit der USA vom globalen Finanzsystem und dem Dollar ihre Wirtschaft beeinträchtigen könnte, wenn der Einfluss schwindet.
Zudem seien innenpolitische Konflikte, die Abhängigkeit von Importen, die hohen Schulden und die damit verbundenen Risiken problematisch. Dennoch glaubt er, dass die USA in Technologie, Militär und Finanzsystem langfristig Vorteile besitzen.
(Hormuz-Straße: Helden oder Verlierer? Ray Dalio warnt, dass ein Krieg mit Iran zum entscheidenden Wendepunkt für den amerikanischen Niedergang werden könnte)
Von Geopolitik bis Technologiewettbewerb: Verschiebung der Machtzentren in der neuen Ära
Abschließend weist der Artikel darauf hin, dass der aktuelle globale Wettbewerb nicht nur auf traditionelle Geopolitik beschränkt ist, sondern auch „Technopolitik“ umfasst – etwa KI, soziale Medien, Drohnen und digitale Finanzen.
In diesem Kontext könnte die zukünftige Weltordnung nicht mehr von einem einzelnen Land dominiert werden, sondern von einer Kombination aus nationaler Macht und digitalem Netzwerk. Der Wettbewerb zwischen den USA und China wird sich von Produktion und Handel auf Technologie und Datensouveränität ausweiten.
Dieser Artikel, in dem Balaji die amerikanische Hegemonie skeptisch sieht: Die Weltwirtschaft wandert nach Eurasien, China übernimmt die globale Schifffahrt, erschien zuerst bei ABMedia.