Anthropic wirft Qwen vor, mit 28,8 Millionen Dialogabfragen systematisch Softwareentwicklungsdaten abgeschöpft zu haben
Laut einem Brief, dessen Kopie Bloomberg am 24. Juni vorlag, wirft Anthropic mehreren US-Senatoren und Beamten des Weißen Hauses vor, dass mit Alibabas Qwen-Lab verbundene Unternehmen zwischen April und Juni mit fast 25.000 Fake-Konten insgesamt 28,8 Millionen Dialoge mit Claude geführt und dabei systematisch Trainingsdaten zur Softwareentwicklung und zu Kernfähigkeiten von Claude extrahiert hätten. Der Vorgang wird als „kontradiktorischer Destillationsangriff“ eingestuft.
Anthropic wirft Qwen 28,8 Millionen Dialogabfragen vor – gezielt auf Softwareentwicklung ausgerichtet
Das Angriffsmuster: Eine große Zahl von Fake-Konten stellte Claude Fragen, sammelte die Antworten und nutzte sie für das Training der Qwen-Modellreihe. In dem Brief erläutert Anthropic, dass die Angriffe nicht zufällige Abfragen waren, sondern gezielt auf die beiden wettbewerbsstärksten Fähigkeiten von Claude abzielten: Softwareentwicklung und agentisches Denken (die Fähigkeit der KI, mehrschrittige Pläne selbstständig zu entwickeln und komplexe Aufgaben wie ein Agent auszuführen).
Anthropic behauptet, die Vorgehensweise sei identisch mit der von DeepSeek und MiniMax, die das Unternehmen in einem Blogbeitrag genannt habe – es handele sich um einen „systematischen, massiven, industriellen“ Destillationsangriff. In dem Brief heißt es eindeutig: Derartige Angriffe „stehlen auf illegale, systematische und industrielle Weise KI-Fähigkeiten aus US-amerikanischen Spitzenlaboren, verpacken sie als eigene Produkte neu, ohne die Kosten für Training und Entwicklung zu tragen“.
Anthropic, OpenAI und Google schließen sich zu einem dreiseitigen Informationsaustausch zusammen und fordern die Regierung auf, kartellrechtliche Leitlinien zu klären
Anthropic, OpenAI und Google haben sich zu einem Dreierbündnis zusammengeschlossen und tauschen ihre jeweils erkannten Destillationsverstöße aus. Die Sorge der US-Branche hat sich von Einzelfällen zu einer kollektiven Verteidigungshaltung entwickelt. In dem Brief bittet Anthropic die US-Regierung gleichzeitig um Hilfe bei der Klärung der entsprechenden kartellrechtlichen Leitlinien, damit die großen US-Unternehmen Destillationsangriffsinformationen freier austauschen können.
Anthropic räumt in dem Brief ein, dass das Unternehmen beim Training von Claude selbst frühere eigene Modelle destilliert habe. Die Grenze zwischen „Selbstdestillation“ und „Fremddestillation“ sei rechtlich bis heute unklar; die Destillation selbst sei in der Branche weit verbreitet. Ob sie illegal sei, hänge vom Umfang und der Absicht ab, nicht von der Technik selbst.
Senat plant Änderungsantrag, Repräsentantenhaus treibt überparteilichen Gesetzesentwurf voran
In beiden Kammern des US-Kongresses haben Abgeordnete bereits Maßnahmen ergriffen. Im Senat planen der Republikaner Bill Hagerty und der Demokrat Andy Kim einen Änderungsantrag, der chinesische Unternehmen, die illegal KI-Output aus den USA destillieren, auf eine schwarze Liste setzen oder sanktionieren soll. Im Repräsentantenhaus haben Bill Huizenga und Sydney Kamlager-Dove bereits einen ähnlichen überparteilichen Gesetzesentwurf vorgelegt. Beide Vorhaben sollen in das jährliche National Defense Authorization Act (NDAA) aufgenommen werden.
Häufig gestellte Fragen
Was ist ein „kontradiktorischer Destillationsangriff“ und worin unterscheidet er sich von normaler Modelldestillation?
Modelldestillation ist eine Technik, bei der ein kleines Modell von einem großen Modell lernt. Sie wird in der KI-Forschungsgemeinschaft häufig eingesetzt. Das Problem liegt im Umfang und in der Absicht: Der von Anthropic vorgeworfene Vorgang nutzte fast 25.000 Fake-Konten und führte innerhalb von drei Monaten 28,8 Millionen industrialisierte Abfragen durch, die gezielt auf die Kernwettbewerbsfähigkeiten abzielten. Dies überschreitet den von den KI-Laboren in ihren Nutzungsbedingungen erlaubten Rahmen.
Was sind die konkreten Forderungen von Anthropic in dem Brief an den US-Kongress?
In dem Brief bittet Anthropic die US-Regierung um zwei Maßnahmen: Sanktionen oder eine schwarze Liste gegen chinesische Unternehmen, die illegal KI-Output aus den USA destillieren; sowie die Klärung kartellrechtlicher Leitlinien, damit US-KI-Unternehmen Destillationsangriffsinformationen freier austauschen können, um einen wirksameren kollektiven Verteidigungsmechanismus aufzubauen.
Ist der rechtliche Status von Destillationsangriffen in den USA derzeit geklärt?
Derzeit ist er rechtlich noch unklar. Destillation an sich ist nicht grundsätzlich illegal; die Branche erlaubt sie üblicherweise in kleinerem Umfang und für nicht konkurrierende Produktentwicklungen. Anthropic räumt in dem Brief auch ein, dass es frühere eigene Modelle destilliert habe, und bittet die US-Regierung ausdrücklich um Hilfe bei der Klärung der rechtlichen Grenzen.